Leseprobe - Auf ins Walhalla!

Umschlag Walhalla

Das Schönste an Halle

Wenn man selbsternannten oder der Stadt nicht gerade wohlgesonnenen Fachleuten trauen sollte, so ist das Schönste an Halle der Hauptbahnhof. Als ein bedeutender Knotenpunkt der Eisenbahnstrecken in Mitteldeutschland biete er beste Möglichkeiten, diese Stadt nach allen Himmelsrichtungen schnell zu verlassen. Sie berufen sich dann auf den genialen Autor, Regisseur und Schauspieler Curt Goetz. Er hatte das ursprüngliche Zitat dazu in seinen autobiographischen „Memoiren des Peterhans von Binningen“ verfasst.

Dem darf nun wirklich nicht geglaubt werden, denn das Schönste an Halle kann nie im Leben dieser Durchgangsbahnhof mit seinem zugegeben architektonisch ansprechenden  Prachtbau sein. Sondern wie es auch Peterhans von Binningen sah, sind es seine Mädchen. Er fand hier seine „Schülerliebe“. Wir hatten wohl alle unsere Jugendlieben in der altehrwürdigen, ehemals sicher recht grauen Diva.

Sie dauerten häufiger nur einen Sommer, aber manchmal auch ein ganzes Leben und hießen Marga, Monika, Gabi, Ellen, Christiane, Dagmar oder Heidi. Sie, und oft nur sie, hielten uns in Halle. Wir überlegten, ob wir überhaupt woanders lernen und studieren wollten. Dem Ruf der Fahne konnten wir kaum entfliehen, hatten aber dann im Brustbeutel das Freundschaftsbild dabei. Nach anderthalb Jahren kamen wir mit flammendem Herzen, funkelnden Augen und wehenden Fahnen zurück zu unseren Liebchen. Treu waren sie oder ehrlich, am besten beides, auch wenn Peterhans von Binningen ziemlich bissig bemerkte: „In Halle tummeln sich die Jungfrauen wie die Walfische in der Saale.“

Die halleschen Mädchen müssen trotzdem seit jeher etwas magisch-magnetisches in sich tragen, denn schon Eichendorf hatte woanders „…nimmer die Welt so schön“ gefunden. Dem jungen Romantiker muss man glauben. Die „Eichendorf-Bank“ war es dann auch, die uns der Mädchen Gunst gewinnen half. Versteckt steht sie auch heute in den Klausbergen,......

Kandierte Tomaten

Das Stollenrezept in unserer Familie wurde als etwas besonders Wertvolles behandelt. Unsere Großmutter hatte es aufgeschrieben, ebenso wie das Rezept zur Herstellung der klassischen Kräppelchen. Die Zutaten- und Backgeheimnisse waren wohl schon  seit Generationen bis heute von der Mutter zur Tochter weitergegeben worden.
Weitergegeben in der Familie wurde auch der hölzerne feine Backtrog, von dem wir Jungen träumten, ihn zum Kanu auf der Saale umzufunktionieren. Dass der Trog einst, wie erzählt wird, vom Großvater als Hochzeitsgeschenk vorgesehen war, gehört sicher ins Reich der Legende. Es wäre recht unfair gegenüber der Braut gewesen, sie etwas doppeldeutig gleich an ihre Hausfrauenpflichten zu erinnern.
Die Vorweihnachtszeit wurde durch rege Beschaffungsaktivitäten belebt. Auch wenn man über Monate hinweg Vieles schon im Vorratsschrank aufgespart hatte, gab es doch über lange Jahre extremen Mangel vor allem an den exotischen Backzutaten wie Rosinen, Sultaninen, Mandeln, Marzipan und Zitronat. Der Erfindungsreichtum der Nachkriegszeit hatte sich jedoch in die DDR hinüber gerettet. Ersatzstoffe wurden gesucht und auch gefunden.  

Wegen der schwierigen Devisenlage waren manche Rohstoffe nicht verfügbar und es wurden Austauschstoffe entwickelt. Der Begriff „Substitute“ sollte dabei die qualitativen Unterschiede beschönigen.  Dutzende von Lebensmittelingenieuren tüftelten in ihren modernen Alchimistenküchen, welche Importartikel wie Zitronat, Mandeln, Marzipan, Rosinen und Nüsse, aus heimischen Rohstoffen hergestellt werden konnten. So wurden in großem Maße Grüne Tomaten kandiert und der fleißigen Hausfrau als Zitronatersatz offeriert. Gemahlene Erbsen und Kartoffelmehl traten zusammen mit Aroma und Zucker aus ihrer schnöden Unscheinbarkeit hervor bis zum Marzipanersatz. Für Mandelersatz kamen geraspelte bulgarische Aprikosenkerne zu besonderer Ehre, und klitzekleine Rosinen III. Wahl stammten ebenfalls aus dem befreundeten Schwarzmeerland und waren durch den Namen Korinthen geadelt. Hier wäre das Hausfrauenkönnen in höchstem Maße gefordert gewesen. Aber, sollten wir nun wirklich unser Familienstollenrezept durch solche Griffe in die sozialistische Trickkiste entweihen......

 
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